Marina

„Man muss klären,
wie es weitergeht“

Samstag, 5. März 2o22:
Es gibt so viel zu berichten; mein Kopf ist voller Informationen, mein Herz quillt über vor Emotionen. Und dann wiederum gibt es eigentlich nur wenig zu sagen:

Marina und ihre beiden Kinder sind gut hier angekommen. Und: Ihr alle, die ihr daran Anteil habt, seid wunderbare Menschen, die diese Welt zu einem besseren Ort machen. Danke!!!

In den vergangenen Tagen sind fast 5000€ zusammengekommen, zudem noch viele Hilfsangebote für Sachspenden und weitere Unterstützung. Alles davon ist wichtig und wird benötigt werden – wenn auch nicht alles jetzt sofort, in diesem Moment. Here’s why.

Als Marina, ihr 10-jähriger Sohn und die 13-jährige Tochter Donnerstagabend hier ankamen, waren sie genau 1 Woche unterwegs gewesen. Mit einem alten Auto fuhren sie die 15oo Kilometer von Kyiv hierher – in eine Stadt, über die sie vorher nur wusste, dass ihre Eltern hier studiert haben. Und die nun die neue Heimat werden soll.

Schon am Freitagnachmittag schrieb mir Marina „Kannst Du Lehrbücher mitbringen? Die Kinder müssen Deutsch lernen.“ Ich brachte am Abend zunächst mal „Die schönsten Kindergeschichten der DDR“ vorbei – etwas anderes konnte ich so schnell nicht besorgen. Und dann bekam ich Fragen gestellt: „Wo kann man Sprachkurse machen? Wie kann ich hier arbeiten? Welche Zertifikate benötige ich? Wie sind die Gesetze für Selbstständige? Können die Kinder in eine Schule gehen?“ Ich kann all diese Fragen nicht beantworten – weil ich auf die Schnelle noch keine gesetzlichen Regelungen dazu gefunden habe, weil es vielleicht noch keine gibt. Hierfür benötige ich Unterstützung.

Wir werden auch Unterstützung bei der Wohnungssuche benötigen – Marina weiß nicht, ob und wann sie nach Kyiv zurückkehrt. Ihre Mutter ist noch dort – sie will ihre Stadt nicht verlassen. Vielleicht lässt sie sich noch umstimmen – doch was, wenn nicht? Passiert dann das selbe wie bei Marinas Vater, von dem seit Tagen keine Nachrichten mehr aufs Handy kommen? Die Eltern lebten getrennt – der Vater in dem Haus, in dem wir damals bei unserem Besuch übernachtet hatten. Die Wohnung, das Haus, die Straße – ein Trümmerfeld. Marina hat mir Fotos gezeigt. Ich konnte sie nicht zu Ende ansehen.

Am Mittwoch noch hatten ihre Kolleg*innen sie gefragt „Wir kommen doch morgen früh ins Büro, oder?“ Sie kamen nicht. Stattdessen warfen sie das Wichtigste ins Auto und flohen, um ihr Leben zu retten. Ihre Agentur für Innenarchitektur gibt es derzeit nur noch im Internet, eine Zukunft ist ungewiss. Wer soll elegante Möbel und edle Stoffe benötigen im Kyiv der kommenden Jahre?

Wir können Marina helfen, indem wir Wissen zusammentragen: Wie kann sie im Bereich Innenarchitektur tätig werden? Welche Anmeldungen, Voraussetzungen, Zertifikate sind nötig? Das Wissen, das ich ihr bisher dazu vermitteln konnte, beschränkt sich auf: Man mietet in Deutschland keine fertig eingerichteten Wohnungen, wie das wohl anderswo üblich ist.

All diese Dinge müssen geklärt werden: Wohnung, Arbeit, Schule, Versicherungen, finanzielle Unterstützung vom Staat, etc. Wahrscheinlich kann ein Besuch bei einem Amt vieles davon klären – das müssen wir als nächstes in Angriff nehmen.

Heute gehen wir erstmal in die Innenstadt, ein paar Dinge kaufen. Unterwäsche, Schuhe, vielleicht ein Manga (beide Kinder sind große Fans – mein Wissen hierzu ist ähnlich umfassend wie zur Immobilienbranche), und natürlich Grammatikbücher. Oh, und vielleicht schauen wir noch kurz beim Wertstoffhof vorbei, denn das Thema Mülltrennung war von Minute eins an präsent. Der Vermieter erklärte es 5 Minuten nachdem wir die Wohnung betreten hatten, und gestern Abend lotste mich Marina als erstes in die Küche der Monteurswohnung, wo ich ihren Papiermüll inspizieren musste. Am Ende wird sie noch eine bessere Deutsche als ich 😉

Finanzen:
Einnahmen: 4985€ von 51 Spendern 
(ich kann euch nicht genug danken)
Ausgaben: 550€ Miete, 300€ Kaution, 
500€ Erstgeld für sie und die Kinder, 
83€ für "Erstausstattung" Wohnung 
(Lebensmittel, Sanitärprodukte etc.), 
Geplant: Laufende Kosten (Lebensmittel, 
Bücher, etc.), nächste Miete für 
Übergangswohnung, Rücklagen für 
eigene Wohnung, ggf. Unterstützung 
um Mutter nachzuholen 

Sachspenden:
Die Wohnung ist möbliert - sie ist nicht 
besonders schön, aber funktional und vor 
allem: friedlich. Für eine neue Wohnung, 
die es zu finden gilt, werden dann Möbel, 
Wäsche, Geschirr etc. benötigt. Dazu melde 
ich mich, wenn es so weit ist. Was Kleidung 
angeht, versuche ich mal die Größen 
rauszufinden und schreibe es dann hier rein. 
Ich kann und will nur nicht direkt alles 
am ersten Wochenende klären (um keine*n  
Beteiligten zu überfordern, aber vor allem, 
um es sinnvoll zu planen und zu koordinieren.)

Wissen:
Hilfreich wären ganz konkrete Antworten 
auf konkrete Fragen: Kann ich ein Konto für 
Marina eröffnen und es später auf sie 
umschreiben? Sollte man Asyl beantragen 
oder nicht? Wie kann sie schnellstmöglich 
arbeiten - was muss man dafür wo melden? 
Again: Vielleicht klärt 1 Termin beim Amt 
all diese Dinge - aber momentan habe ich 
den noch nicht, und daher keine Antwort 
auf ihre Fragen. Kennt jemand Architekten, 
Designer, Raumausstatter, die beraten 
können? Marinas Deutsch ist sehr gut, sie 
wäre auch bereit, erstmal umsonst zu 
arbeiten - aber das geht ja vermutlich 
aus versicherungstechnischen Gründen nicht. 
Was also muss man tun, damit das geht?

Ich habe eine WhatsApp-Gruppe erstellt,
in der wir alle Infos sammeln. Wer rein 
will - bitte kurze Nachricht schicken.  

Update nach dem Innenstadtbesuch

Zum Thema Ämter habe ich jetzt Starter-Infos, ggf. komme ich da in Detailfragen nochmal auf euch zu. Danke an alle! Infos zum Thema Innenarchitektur suche ich weiter.

Der Sohn (S.) ist erst seit vergangener Woche 1o Jahre alt. Seinen Geburtstag verbrachte er im Stau vor der polnischen Grenze. Er hatte von seinem Vater etwas Geld geschenkt bekommen, von dem er sich heute etwas kaufen wollte. Besorgt fragte er, ob es in Deutschland überhaupt Lego-Läden gibt. Seine ältere Schwester (M.) belehrte ihn augenrollend, dass es die NATÜRLICH gibt. Im Laden lief er zwischen den Regalen hin und her, rechnete Euro in Hrywnja um, zählte Preise zusammen. Am Ende entschied er sich für 2 kleine Sets, wir hielten uns im Hintergrund. Es war sein erster Kauf alleine in dem fremden neuen Land. Ich hoffe, das macht den Geburtstag zumindest nachträglich etwas besser.

Ihren Hund haben die drei bei Marinas Mutter zurückgelassen, weil nicht sicher war, ob er mit einreisen darf. In der Stadt wurde jede Grünfläche auf ihre Hundetauglichkeit hin inspiziert, jeder Vierbeiner mit einem aufgeregten „Sobaka!!“ kommentiert. Meine Wohnungsnachbarn haben einen Labrador. Der hat jetzt für morgen Nachmittag ein Date.

Nach Hausschuhen kaufen, Bastelladen bewundern und Kakao trinken ging es noch zum Supermarkt; unterwegs erklärte ich Parkuhren, Strafzettel, Radfahrermentalität und Einkaufswagen-Chips, und irgendwann waren alle platt. S. ließ sich auf den Rücksitz meines Autos fallen und seufzte erschöpft „Domoi“ („Nach Hause“). Da knackste mein Herz, und kurz darauf brach es, als M. erwiderte „Das ist nicht zuhause. Zuhause ist Kyiv.“ Ich habe es geschafft, erst zu heulen als sie ausgestiegen waren. Dann dafür richtig.