„Kann man nichts machen, ist schon okay.“
Dienstag, 15. März:
Noch nicht ganz 2 Wochen sind vergangen, seitdem Marina hier angekommen ist – und doch fühlt es sich oft schon an wie 2 Monate. Das ist manchmal gut, und manchmal schlecht.
Gut ist es in den Momenten, in denen so etwas wie Normalität herrscht. Wie neulich, als wir alle im Zoo waren. Die drei waren eigenständig mit der Straßenbahn dorthin gefahren, es wurden Handyfotos gemacht und Andenken gekauft. Die große Schwester war manchmal genervt vom kleinen Bruder, mein 6-jähriger Neffe erklärte allen mit großem Enthusiasmus, welche Tiere er liebt, auf seine deutschsprachigen Ausführungen wurde mit Händen, Lachen und „Gut“ geantwortet, danach waren wir Döner essen und sie fuhren wieder zurück. Ein paar Tage später haben wir ein Konto eröffnet, ein Handy mit deutscher Nummer eingerichtet, Stellenanzeigen durchforstet. Das funktioniert, wir kommen vorwärts, es fühlt sich richtig an.
Und dann sind da diese anderen Momente, in denen ich verzweifeln möchte. Vor allem an der Bürokratie. Meine Strategie war es, bei allem immer einen Schritt voraus zu sein. Ich habe frühzeitig begonnen, eine Nachfolge-Lösung für die Monteurswohnung zu suchen – aus der müssen sie Ende April ausziehen. Doch jetzt holt uns die Zeit ein – denn jetzt suchen alle eine kleine, bezahlbare Wohnung. Die Wohnungsgenossenschaften „dürfen“ an Geflüchtete nicht selbst vermieten und verweisen auf ihre Kontingente, die das Sozialamt verwaltet. Das Sozialamt sagt, die Wohnungen müssten erst noch renoviert und möbliert werden. Ich sage, das sei nicht nötig, wir kümmern uns, ich bürge für Miete – umsonst. Man darf Genossenschaftswohnungen nicht mal besichtigen ohne signierten Zettel vom Amt. Den Stempel für den Antrag des Zettels bekommt man im Ankommenszentrum im Rathaus. Vor dem Rathaus campieren derzeit nachts Menschen, damit sie am Morgen eine Chance haben, dran zu kommen. Wirklich: Menschen, die tagelang auf der Flucht waren – bestenfalls im Auto lebten, schlechtestenfalls im Zug oder auf der Straße – schlagen sich jetzt die eiskalten Nächte und verregneten Tage in einer hunderte Meter langen Warteschlange um die Ohren. Für einen Stempel. Das macht mich verrückt.
Bisher haben wir – und damit meine ich euch –
Dinge organisiert, und sie haben funktioniert.
Schnell, unkompliziert, pragmatisch und solidarisch.
Fast täglich kommen Päckchen und Pakete bei mir an, die ich dann zu Marina fahre. Es werden Infos gesammelt und Dokumente geschickt, Erfahrungen ausgetauscht und Tipps weitergegeben. Leute aus Leipzig begleiten die drei und helfen vor Ort – andere investieren ihre Zeit und Energie, um Dinge aus der Ferne zu recherchieren und möglich zu machen. Wenn ich in unserer WhatsApp-Gruppe eine Bitte poste, habe ich Minuten später eine Lösung – von Menschen, die ich teilweise nicht mal persönlich kenne oder schon Jahre nicht mehr gesehen habe.
Doch nun geraten wir in diesen Apparat, in dem Prozesse befolgt und Hierarchien eingehalten werden müssen, und da herrscht eine andere Taktung. Wahrscheinlich muss das so sein – aber cool ist es nicht.
„Willkommen in der deutschen Bürokratie 🙁 “ habe ich Marina heute geschrieben, nachdem sie nach fast 9 Stunden Anstehen aufgegeben hat. „Kann man nichts machen“, schrieb sie zurück.
Ich hoffe, das ändert sich bald wieder, und sie kann dann was machen. Eine Wohnung mieten zum Beispiel (ich gebe nicht auf), zu einem Vorstellungsgespräch gehen (wir arbeiten dran), die Kinder zur Schule schicken (Pläne werden gemacht). Bis dahin tun wir das, was geht – und vieles geht dank eurer Unterstützung. Danke dafür, again and again. Seid euch versichert – es kommt bei ihr an.
Finanzen: Einnahmen: 7381€ von 63 Spendern Ausgaben: weitere 500€ bar an sie für Lebensmittel etc. Sobald die Anmeldung (Verifizierung) für Marinas deutsches Konto durch ist, werde ich ihr alles Geld überweisen. Sachspenden: Danke für alles, was ihr geschickt habt: Kleidung, Medikamente, Haushalts- wäsche, Spielsachen, Süßkram, alles!! Wenn wir hier nochmal konkreten Bedarf haben (zB irgendwann Möbel), melde ich mich. Wissen: Dank Eurer Kontakte sind wir auch im Bereich Job jetzt auf einem guten Weg, und ich hoffe, die bürokratischen Hürden sind hier weniger groß ;) Wohnung: Wir brauchen eine, ab Mai. Mind. 2 Zimmer, max. 500€ kalt. Bitte alles anbieten ;)