Marina

„Mein Freund, der jetzt kämpft, braucht Hilfe.“

Samstag, 19. März:
Ich muss mal wieder ein paar Dinge loswerden – vielleicht sind sie für euch alle gar nicht so sehr relevant, aber ich muss sie aus meinem Kopf bekommen und meinem Herz, sonst habe ich das Gefühl, ich platze.

Marina stand diese Woche insgesamt zwei Tage lang vor dem Ankommenszentrum am Rathaus an. Am ersten Tag fast 9 Stunden, am zweiten nur 7 oder so. Sie stand da mit vielen anderen Frauen, Kindern, Alten. Für Hunderte Menschen vor dem Gebäude gibt es ca. 10 Plastikstühle. Die Frauen wechseln sich ab, damit jede mal sitzen kann für ein paar Minuten. Ich will mich gar nicht wieder über mangelnde Digitalisierung oder schleppende Etablierung von Strukturen und Prozessen echauffieren; ich verstehe, dass die Behörden nach zwei Jahren Corona auch die Schnauze voll haben und viele Mitarbeitende gerade krankheitsbedingt ausfallen, aber ernsthaft: Ist es denn niemandem in den Sinn gekommen, mal irgendwo im Baumarkt nach ein paar Gartenstühlen oder Biertisch-Garnituren zu fragen? Die würden die ja vermutlich sogar kostenlos hergeben. Woran mangelt es da? Organisationstalent? Personal? Empathie?

Während Marina dort anstand (und letzten Endes einen Termin zur Registrierung für kommende Woche ergatterte), saßen ihre Kinder zuhause und lernten. Die Große hat bereits wieder Online-Unterricht, für den Sohn gehts nächste Woche los. Mit Lehrkräften, die irgendwo sitzen, und einer Klasse, die vermutlich über halb Europa verstreut ist. Das funktioniert. Stühle vorm Leipziger Rathaus funktionieren nicht.

In den vergangenen Tagen haben wir auch Marinas Bewerbung fertig gemacht und an zwei Architekturbüros geschickt, ihr neues Konto ist jetzt verifiziert und einsatzbereit, und das mit dem deutschen Telefon klappt auch – sie ist jetzt außerhalb der Wohnung und des WLANs erreichbar. Apropos Wohnung: Ich schaue am Montag zwei an – vielleicht haben wir Glück und bekommen eine davon.

Viele von Euch fragen mich, wie es Marinas Eltern geht, ob es Neues von ihrem Vater gibt. Die Antwort lautet: Ich weiß es nicht. Ich will sie nicht ständig fragen – denn vielleicht gibt es etwas Neues, und das Neue ist nicht gut, und dann zerreiße ich mit meiner Frage die dünne Schutzschicht aus Normalität und Bewältigungsstrategie, die sie um sich und die Kinder legt.

Manche Dinge, die sie tut, verstehe ich nicht. Ich wundere mich: Warum will sie nicht zu dem Picknick für Geflüchtete; warum macht sie jetzt A, wo doch vielleicht B wichtiger wäre; warum erzählt sie dieses, aber jenes nicht… Und dann ermahne ich mich selbst, dass ich all das nicht verstehen muss – weil es ihre Art ist, mit diesem Krieg klarzukommen. Und dass ich es nicht verstehen kann – weil ich noch nie in solch einer Situation war.

Ich weiß nicht, wie es ist, wenn übers Handy ständig neue Horrormeldungen reinkommen – von Medien und Freunden, Nachbarn und Kollegen. Wenn Bilder von Wohnungen geschickt werden, bei denen die Fenster zersplittert sind, oder Wände fehlen, oder das ganze Haus ein Trümmerhaufen ist. Wenn jede WhatsApp die sein könnte, die die Botschaft über die Verwundung oder den Tod eines geliebten Menschen bringt. Ich weiß nicht, was es mit einem macht, wenn man vor ein paar Wochen noch im eleganten Kleid auf einer Einrichtungsmesse Kunden beraten hat, und nun in den Kartons mit gespendeter Kleidung nach einer Hose sucht, die passt. Ich weiß nicht, wie es ist, wenn man von heute auf morgen ins Bodenlose fällt – und niemand sagen kann, wann dieses Fallen vorbei ist, und wo man dann liegt.

Ein Freund von Marina ist auf Insulin angewiesen. Seine Pumpe wurde unter der Kampfmontur beschädigt, sie versucht zu helfen, eine neue zu organisieren und zu ihm zu schicken. „In Kyiv funktioniert jetzt nichts mehr“, sagt sie. Ich habe meine Kontakte angeschrieben, vielleicht schaffen wir was. Nachdem ich das heute früh in die Wege geleitet hatte, bin ich los zum Wochenendeinkauf. Vor dem meterlangen Regal mit den Müslis habe ich lange rumüberlegt, bei den Bananen die ohne Druckstellen gesucht, und dann noch Blumen für den Küchentisch gekauft. Anschließend bin ich zu einer Sammelstelle für Hilfsgüter gefahren, nicht mal einen Kilometer vom Supermarkt entfernt. Ich habe Kosmetikartikel abgegeben und ein paar Klamotten von mir, und gefragt, wie man sonst helfen kann. Man schickte mich zu einem Mann mit Handy am Ohr, er organisiert Transporte zur ukrainischen Grenze, mehrere pro Woche, manche sogar bis nach Kyiv. Auf meine Frage hin, was am dringendsten benötigt würde, antwortete er: „Tourniquets.“ Weiß jemand von Euch, was das ist? Ich wusste es nicht. Er zeigte es mir online – dass damit Blutungen gestillt und Verletzungen geschient werden, dass es verschiedene Größen und Modelle gibt. Verbandsmaterial bräuchten sie auch, Medikamente, und Reinigungstabletten für Wasser, damit man irgendwas trinken kann.

Ich setzte mich wieder ins Auto. Gebrochene Knochen, blutende Wunden, Wasser aus Schnee. Ich dachte an meine Bananen, meine Blumen, meinen Küchentisch. Und heulte, again.

Versteht mich nicht falsch: Ich weiß, dass es anderswo ebenso viel Not und Leid gibt, dass Menschen misshandelt werden, Kinder hungern, Unschuldige sterben.

Und dennoch war ein Krieg noch nie so nah an mir dran. Er betrifft Menschen, in deren Wohnung ich übernachtet habe, die für mich Kartoffeln und Borschtsch gekocht haben, die mir stolz gezeigt hatten, wie schön ihre Heimat ist.

Vielleicht bin ich deshalb gerade so dünnhäutig, vielleicht erscheint mir deshalb vieles grad surreal.

Wahrscheinlich ist es sogar gut, dass Behördendinge hier einfach so laufen, wie sie immer laufen – dann ist es normal. Und selbst das schlechte Normal ist manchmal ganz gut.