„Was machen wir, wenn…?“
Freitag, 1. April:
Irgendwie kam ich nicht zum Schreiben in den vergangenen Tagen – weil so vieles zu tun war, organisiert werden musste, fertig werden soll. Gefühlt durchlaufen wir gerade ein halbes Erwachsenenleben in 4 Wochen.
Wohnungsinserate durchforsten, Makler koordinieren/becircen, um Besichtigungstermine kämpfen, sich nackig machen mit Gehaltsauszügen, Schufa und Bürgschaft, Exposé vom Amt prüfen/ genehmigen lassen, auf Verträge warten, sie wieder prüfen lassen, Fristen und Termine beachten, Anträge ausfüllen, Stempel abholen, Formulare Formulare Formulare. Internetanbieter recherchieren, Listen mit Spenden führen, Möbel abholen, Fragen beantworten zu Nebenkosten und Stromanbietern und Bruttokalt-/Warmmiete, Heizkosten, Staffelmiete.
In Schlangen stehen ohne zu wissen, worauf man wartet, keine Infos bekommen, frieren, weil draußen, Hunger, nicht weggehen können weil Platz in der Schlange verfällt. Mit anderen austauschen, „Die Kinder müssen dabei sein!“ versus „Heute nicht, heute nur Sie.“. Nummern ziehen, Sicherheitsdienst fragen, keine Antwort bekommen, nach 6 Stunden zur Sachbearbeiterin kommen, die über zu viele Mails schimpft.
Kinder für Schulen registrieren lassen ohne zu wissen, wo man wirklich wohnen wird, Masernimpfzertifikate anfragen/nicht bekommen, Antikörpertests als Nachweis brauchen, Kinderarzt finden, Coronaimpfungen nachholen, Schulzeugnisse aus Kyiv anfordern, Dokumente beglaubigen lassen, vorläufigen Sprachunterricht klarmachen, Raum dafür finden, Menschen und Termine koordinieren, Schulgeld und Stipendien.
Status der Autoversicherung klären, Informationen dazu suchen, Fristen im Kopf behalten, grüne Umweltplakette nicht vergessen, Auto stehen lassen müssen weil es unsicher ist, Verbindungen klicken, Standorte schicken, im falschen Bus sitzen, warum fällt die Fahrt aus, warum steht die Tram?
Konto eröffnet, EC-Pin bekommen, Überweisung nach Hause klappt aber nicht, Scheck vom Sozialamt, 3 Tage gültig, geht nur bei Sparkasse, Schalter ist zu. Bargeld zu anderer Bank bringen, Schalter schließt um 12, zu spät. Einzahlungsautomaten erklären am Telefon.
Bewerbungsunterlagen auf deutsches Format bringen, übersetzen, Arbeitgeber recherchieren, Gesprächstermine vereinbaren/nachhaken, Bewerbungsgesprächs-Coaching und Empowerment, sich als Geflüchtete nicht unter Wert verkaufen, Steuerklassen erklären, Jahresgehalt definieren, Fördermöglichkeiten abklopfen, Probezeit/Urlaubsgeld/Vollzeit verstehen. Abwägen, was möglich ist mit zwei Kids. Und was erstmal nicht.
Den Vater der Kinder in die Entscheidungen mit einbeziehen, Szenarien skizzieren, Erwartungen einordnen. Machbares machen, anderes aufheben.
Das waren Marinas und meine vergangenen Tage im Schnelldurchlauf. Sie betreut nebenher noch zwei Kinder und unterstützt Freunde/Familie in Kyiv, ich mache nebenher einen 40-Stunden- und einen Freiberufler-Job. Es klappt alles, irgendwie. Aber ich frage mich auch, wie es für die anderen ist. Die in Aufnahmelagern warten und nicht wissen, was kommt. Denen keiner Beamtendeutsch übersetzt und Gepflogenheiten erklärt. Für die niemand quasi rund um die Uhr als Ansprechpartner da ist, der wiederum auf ein Netzwerk aus tollen Menschen (EUCH!!) zurückgreifen kann. Ich hoffe, alles wird irgendwann okay – auch für diese Menschen.
Finanzen: Einnahmen: 7606€ von 69 Spendern Ausgaben: 550€ Miete April Alles, was bisher nicht für laufende Kosten benötigt wurde, habe ich am 21. und 23. März auf Marinas deutsches Konto überwiesen: 5440€. 3 Daueraufträge wurden ebenfalls auf ihr Konto umgeschrieben. Alles, was jetzt noch bei mir ankommt, leite ich ihr natürlich weiterhin weiter. DANKE FÜR EURE SPENDEN!!! Wissen: Wir hatten mittlerweile zu allen Leipziger Innenarchitekten*innen Kontakt, denke ich :D Es gab einige Kennenlern- & 2 "echte" Vorstellungsgespräche. In Kürze steht ein bezahltes Probe- arbeiten an :) Wohnung: Wir sind GANZ knapp davor, dieses Thema ENDLICH geschafft zu haben - Details folgen!