Marina

„Ich zeige dir gestern lieber morgen“

Freitag, 29. April:
Schon wieder habe ich mich lange nicht gemeldet. Es liegt wahrscheinlich daran, dass Marinas Leben sich Schritt für Schritt von meinem entkoppelt. Das ist gut – vor allem für sie -, denn es bedeutet auch, dass diese dringende Notwendigkeit in allem nicht mehr ganz so raumgreifend ist wie vor ein paar Wochen.

Dieses Wochenende ziehen die drei in ihre eigene Wohnung. Sie hat drei Zimmer, liegt zwischen Innenstadt und Grünem und ist – gemessen an Kiewer Stau- und Fahrzeiten-Verhältnissen – „super zentral“, wie ich hörte. Mit dem Amt ging es noch ein bisschen hin und her, wir wissen bis heute nicht, wie hoch der Zuschuss für die Erstausstattung sein wird, aber wir haben jetzt einfach mal gemacht. Wenn irgendwann noch wer was wissen will, werden sie sich schon per Brief melden… (Ganz vielleicht liegt auch in dieser Kommunikation per Brief der Zeitverlust begründet, der alles so wahnsinnig mühsam macht, aber das ist nur eine vage Vermutung meinerseits…).

Neulich waren wir bei IKEA. Das ist an einem Samstag schon mutig, und wenn man eine komplett leere Wohnung einrichten muss, crazy next level. Wir haben mein kleines Auto bis unters Dach vollgepackt mit Dingen, andere bestellt, noch andere woanders reserviert, und so baut sich Stück für Stück ein neues Leben auf. Mit einem eigenen Konto bei Amazon für die Waschmaschine, mit einem eilig angebrachten Namensschild an der Klingel für den Telekomtechniker, mit einem Ebay-Kleinanzeigen-Marathon wegen eines Kühlschranks.

Ich kann nur erahnen, was es für ein Gefühl ist, wenn Marina morgen die Monteurswohnung zurück übergeben wird („Blitzsauber muss die sein, da wohnen ab Montag schon neue Arbeiter drin!“), und die drei dann zum ersten Mal in ihrem neuen Zuhause schlafen. Die Kinder in den neuen Betten, Marina nur auf einer Matratze. Die Küche steht noch nicht, Internet gibts noch nicht, aber zumindest eine große Pflanze sorgt in einer Ecke schon für… was? Gemütlichkeit? Ein Gefühl der Normalität? Ich weiß es nicht.

Wie lange werden sie dort wohnen? Werden sie Freunde in der Nachbarschaft finden? Einen Lieblingsbäcker haben? Irgendwann den Hund nachholen können? Ich hoffe es. Ich hoffe, dass alles so funktioniert wie sie es sich vorstellen – falls sie sich überhaupt etwas vorstellen.

In der öffentlichen Kommunikation sind die Schicksale der Geflüchteten von den Titelseiten verschwunden. Ich spüre, wie die Anteilnahme der Gesellschaft nachlässt. Von den Unternehmen, die einen Job angeboten hatten, haben wir seit über 3 Wochen nichts Neues mehr gehört – die erste Welle dieser Solidarität scheint verebbt. Ich weiß, dass das normal ist. Niemand kann über Monate auf high alert im Krisenmodus funktionieren. Themen ändern sich, Prioritäten, Wahrnehmung und Betroffenheit auch. Außer eben für die Menschen, für die genau diese Krise immer noch die Realität ist.

Umso dankbarer bin ich, dass in unserem, eurem Kreis so vieles noch so gut funktioniert, und sich so viele immer noch für Marina engagieren. Mit Räumlichkeiten, die genutzt werden können, mit dringend nötigen Dingen und schönen Sachen, mit Unterstützung bei Recherchen und wichtigen Informationen, mit Wissen, Zeit und Geld. Ich kann nur nochmal Danke sagen für all das, was ihr tut. Marina sagt es auch, immer wieder zwischendrin. Irgendwann werde ich euch allen mal ein Foto schicken, als kleine Gegenleistung, damit ihr das Lächeln wenigstens mal seht, zu dem ihr beigetragen habt.

Vielleicht wird es auch ein kurzes Video – die Kinder üben ja mittlerweile fleißig Deutsch und sind nach Bestechung mit Kakao oder anderweitigem Süßkram sicher auch bereit, das Erlernte mal anzuwenden 😉 Bis dahin schenke ich euch mein Lieblingszitat von Marina, aus einem unserer vielen „Was muss ich da machen, wo muss man hier klicken, das funktioniert so nicht“-Chats: „Ich zeige dir gestern lieber morgen.“ Ich weiß nicht mehr genau, was sie mir dann eigentlich gezeigt hat. Aber was ich jeden Tag sehe ist eine starke Frau, die ihr eigenes Morgen und das der Kinder gestaltet – mit allem, was ihr möglich ist. Und vieles davon habt ihr mit möglich gemacht. DANKE.

Falls noch jemand Geld spenden 
möchte, gebt mir bitte Bescheid, 
dann schicke ich euch direkt 
Marinas Bankverbindung. :)