Wieviele Heimaten kann man haben?
Montag, 20. Juni:
Ich habe ein schlechtes Gewissen – und das hat verschiedene Gründe.
Der offensichtlichste ist, dass ich Euch schon so lange kein Update mehr gegeben habe. Dafür gäbe es jede Menge Erklärungen – ein paar davon sind Arbeit, Unterwegs-Sein sowie eigene Baustellen und Bedürfnisse. Ich fühle mich auch ein bisschen im Zugzwang, weil ich Euch ein Foto oder ähnliches von Marina versprochen hatte für Eure Hilfe, aber mein diesbezüglicher Vorschlag von ihr noch nicht aufgegriffen wurde. Und letztendlich ist ein komisches Gefühl in mir, weil ich den Blog mit diesem Beitrag beenden und demnächst offline nehmen werde. Das fühlt sich seltsam an – durch diese Seite war ich so nah an Euch und ihr an Marina dran, und nun verschwindet das im Nichts des Netzes…
Andererseits war ja genau das das Ziel: Ein Bewusstsein und eine Nähe zu schaffen zu drei ganz konkreten Menschen, die vor einem unsinnigen, unfairen und unberechenbaren Krieg geflohen sind. Sie in einen neuen Lebensabschnitt zu begleiten, ihnen zu helfen, wieder selbst entscheiden und handeln zu können, und einen Alltag zu ermöglichen.
Dieser Alltag hat nun tatsächlich Einzug gehalten. Die Kinder gehen jetzt hier zur Schule, der Sohn muss nur drei Haltestellen fahren, die Tochter ein paar mehr. Sie besuchen derzeit rein ukrainische Klassen und lernen – neben allem anderen – auch zwei Stunden Deutsch pro Tag. Die Große wird wahrscheinlich noch vor den Sommerferien den Deutschtest bestehen und dann im neuen Schuljahr schon in eine gemischte Klasse wechseln. Die Strecke mit der Straßenbahn fahren sie mittlerweile schon alleine, und Sportvereine wurden auch schon besucht. Dort finden sie sicher auch neue Bekannte, von denen hoffentlich einige Freunde werden.
Marina hat Anfang Juni einen Arbeitsvertrag bei einem großen Architektur- und Ingenieurbüro unterschrieben – zunächst befristet auf sechs Monate. Sie bekommt ein vernünftiges Gehalt, einen Benzinkostenzuschuss und eigene Projekte. Der Hauptsitz des Unternehmens ist rund eine Autostunde von Leipzig entfernt, aber es gibt auch ein Team hier vor Ort, bei dem sie dann – nach erfolgreicher Probezeit – einsteigen kann. Soweit ich bisher gehört habe, läuft alles super. Die Fahrzeit ist im Vergleich zum Kiewer Stadtverkehrsstau unproblematisch, und auch fachlich klappt alles bisher. (Das Ganze freut mich unter anderem auch deshalb, weil Geflüchtete mit dem 1. Juni in die Verantwortlichkeit des Jobcenters übergeben wurden, und wir kurz davor waren, laaaaaange Anträge auf Arbeitslosengeld II ausfüllen zu müssen. Da sind wir gerade nochmal drumrum gekommen 😉 )
Überhaupt, dieses viele Papier… Ich musste neulich ziemlich lachen, als sich folgendes offenbarte: Wenn Leute (z.B. Telekom-Mitarbeitende) zu Marina sagten, dass sie ihr etwas „per Post“ geschickt haben, dann schaute sie in ihr Mailpostfach und wunderte sich, warum nichts ankommt. Das passierte mehrfach – weshalb sie mich irgendwann fragte, was da eigentlich los sei. Ich fragte sie, ob sie für die Wohnung keinen Briefkastenschlüssel bekomme habe. Sie schaute mich verständnislos an. „Du meinst, diese Leute schicken Dinge … auf Papier?!“. Ja, genau das meinte ich – und das fasst den Stand der Digitalisierung in Deutschland im Vergleich zur Ukraine ziemlich gut zusammen…
Apropos Ukraine: Marina hat vor einiger Zeit endlich wieder Kontakt zu ihrem Vater aufnehmen können, der in Butscha lebt. Mittlerweile gibt es dort wieder Handynetz, und sie hat lange mit ihm telefoniert. Er erzählte ihr, welche Häuser noch stehen, welche zerstört wurden und wie er sich damit beschäftigt, Dinge zu reparieren. Alle paar Tage besucht er Marinas Mutter und bringt ihr Lebensmittel vorbei; sie wartet auf eine wichtige Augen-OP, die schon länger gemacht werden sollte. Sie leben getrennt und sorgen füreinander. Ein Ehepaar um die 70, das seit Monaten mit dem Heulen der Sirenen und dem Surren der Raketen lebt. Im Krieg. Vater und Mutter, Oma und Opa, die versuchen, über WhatsApp Kontakt zu halten zur Tochter und den Enkelkindern. Teilzuhaben an deren Leben in einem anderen Land. Im Frieden.
Ob dieses Land ihre neue Heimat wird?
Ich weiß es nicht.
Wahrscheinlich wissen sie es selbst noch nicht.
Wieviele Heimaten kann man haben?
Vielleicht wird man manches niemals wissen – genauso wie man nicht alles planen kann. Auch das haben mir die vergangenen Monate wieder gezeigt: Von heute auf morgen kann die Wucht der Veränderung Grundfeste ins Wanken bringen und sicher Geglaubtes mit sich reißen. Ob das gut ist oder besser, schlechter oder anders – das stellt sich oft erst später heraus. (Wendekinder wissen, was ich meine).
Ich danke Euch allen, dass Ihr hingeschaut, zugehört und geholfen habt – selbstlos und ohne Bedingungen. Ihr habt mehr getan als Marina und ihren Kindern das Ankommen zu ermöglichen. Ihr habt gezeigt, dass die Guten in der Überzahl sind.
Danke.
Спасибі.
Passt auf Euch auf.
P.S. Jemand, der viel mehr bewegt hat als ich jemals könnte, ist vor wenigen Tagen aus der Ukraine zurückgekehrt und schreibt über das, was er dort gesehen hat: Daniel Schulz. Folgt ihm auf Instagram, lest seine Texte in der taz, kauft sein Buch. Er ist nicht nur einer der Guten, sondern einer der Besten. <3